Freitag, 30. November 2007

Hypertext

"Die hohe Kunst des E-Learning: Das Bauen hypertextueller Gebilde" In: W. Schmale u.a., E-Learning Geschichte, Böhlau, Wien, 2007.

Anhand der Geschichte des kleinen Zimt aus dem Roman Mister Aufziehvogel von Haruki Murakami wird beispielhaft verdeutlicht, wie sich ein Netzwerk an Geschichten entwickeln kann. Die verschiedenen kleinen Episoden sind vernetzt in einem grossen Hauptthema, welche durch die kleineren Geschichten aus einem jeweils anderen Blickwinkel behandelt wird. Solche kleinen Erzählungen stehen auch jeweils in Beziehungen zueinander, wirken "beziehungsstiftend" (Schmale 2007, 171). Die Geschichte hat in diesem Sinne ein offenes Ende, es lassen sich immer wieder kleine Episoden dazuspinnen, welche wiederum einen neuen Aspekt beleuchten und wiederum in Beziehung zu den vorherigen Geschichten stehen.

Diese Idee spiegelt auch der sogenannte Hypertext wieder, mit welchem versucht wird, die Bezüge zwischen den Geschichten konkret herzustellen - in dem Sinne mittels eines Mausklicks. Didaktisch wird assoziatives Lernen vorausgesetzt, die Vernetzungen und Kohärenzen sollen vom Lernenden selbst erstellt werden. Eine solche Vernetzung schliesst auch die Interdisziplinarität mit ein. Dennoch wird Hypertext in der Geschichtsforschung nur spärlich genutzt.

Die vielschichtigen Gründe sind zum einen auf die Wissenschaftskultur zurückzuführen, welche sich massgeblich am Medium Buch orientiert welches fest verankert ist und auch bleibt. Typografische Informationen sind weiterhin ein zentrales Darstellungsmedium, Hypertext ist eine "Kür, keine Pflicht" (Schmale 2007, 174). Zudem werden Wissenschaftler und Forscher nicht gerade ermuntert, sich in diesen neuen Bereich zu begeben, Prestige ist auf diesem Gebiet nicht zu finden. Hypertext wird selten in Arbeiten als Quelle zitiert, die elektronischen Quellen haben ein schlechtes Image. Dies hängt mit der Struktur des Hypertextes ansich zusammen : es ist eine kollektive Arbeit mit offenem Ende im Gegensatz zu einem fertigen Produkt eines Individuums. Das aktuelle Angebot an Hypertextmedien befasst sich vor allem mit einer raschen Informationsbeschaffung und nur wenig mit dem eingangs angesprochenen Wunsch nach Vernetzung, Verzweigung und Kohärenz zwischen Geschichten. Schliesslich ist zur Benutzung auch ein gewisses Grundwissen notwendig, wie mit dem Medium umzugehen ist. Im Gegensatz dazu ist das Medium Buch viel einfacher zu handhaben.

Haben sich nun doch HistorikerInnen gefunden, welche sich auf dieses Medium einlassen wollen, so stehen sie vor der nächsten Hürde : dem Erstellen eines Hypertextnetzwerkes. Bestimmte Voraussetzungen müssen gegeben sein, um ein Hypertextnetzwerk erfolgreich aufzubauen, allen voran die Kohärenz :
  • zwischen den Texten
  • zwischen den AutorInnen (gemeinsame Sprache, gemeinsame Idee...)
Ein erfolgreiches Hypertextnetzwerk benötigt einen "roten Faden", welcher auch vom Leser erkannt werden kann. Das Schreiben der Texte setzt eine Kompetenz seitens der AutorInnen voraus : der Text muss klar und in sich verständlich sein, Anaphern sind fehl am Platz. Die verschiedenen Einheiten müssen schliesslich sinnvoll miteinander vernetzt werden (Links). Zahlreiche Links verweisen auf viele weitere Geschichten und neuen Zusammenhängen, zum sog. "Serendipity-Effekt" (Schmale 2007, 178).

An Hochschulen angewandt wird veranschaulicht, wie ein solcher Hypertext zustande kommen könnte. Die Studenten recherchieren um ein Kernthema, verfassen ihrerseits Essays welche je nach Bedeutung zu eigenen Kernen werden welche wiederum Essays mitsich ziehen und welche im Seminar diskutiert und bearbeitet werden. Stellt man diese Ergebnisse nun online, können weitere Interessierte an diesem Thema teilhaben und sogar ihren "Ast" zum Netzwerk beitragen. An der Universität Wien gibt es einen sogenannten Hypertextcreator - HTC welcher ohne technisches Vorwissen erlaubt, die Arbeiten in einem solchen Netzwerk online zu stellen bzw. zu einem Hypertext zu vernetzen. Am Beispiel eines Gemäldes von F. Guardi wird verdeutlicht, wie es zu einem solchen interdisziplinären Hypertext kommen kann, welches Beiträge aus Physik, Kunstgeschichte, Umweltwissenschaft und Gender-Studien beinhalten könnte, die nicht mehr als einzelne Einheiten darstehen.
Das "face-to-face", die Diskussion, kommt im Rahmen eines Hypertextnetzwerkes nicht zu kurz. Die Kernpunkte, die einzelnen Attribute usw. müssen besprochen und ausgearbeitet werden - Teamarbeit ist also von Nöten, zusätzlich zur Arbeit des Einzelnen "im stillen Kämmerlein" (Schmale 2007, 186). Ein Dialog ist zudem unerlässlich, um die einzelnen Geschichten aufeinander abzustimmen, die Kohärenz herzustellen. Die Themen sollen sich nicht überschneiden, jedoch zusammenhängen. Zudem sollen Bild- und Tonquellen, welche das Medium anbietet, nicht vernachlässigt werden. Letzendlich wird an den Hypertext die Hoffnung gestrickt, die Erzählenden einander näher zu bringen.

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